TV Kultur und Kritik
ist im Rahmen einer Übung im Fach Medienwissenschaft an der Universität Regensburg entstanden. Der Blog versammelt Kritiken zu den unterschiedlichsten Facetten der Fernsehkultur, die von arte (Breaking Bad) bis RTLII (Die Geissens) reicht. Ziel ist es eine Kritik zu etablieren, die dem Wesen, der Rezeption und der Faszination für das Format gerecht wird. Wir sind offen für Beiträge, die die Auseinandersetzung mit dem Fernsehen erweitern.

Mittwoch, 7. März 2012

Thommy ohne „Wetten, dass...?“, ist wie „Wetten, dass...?“ ohne Thommy

von Sebastian Leidecker

Lieber Thomas,

Jetzt bist Du alter Hase doch noch einmal aktiv geworden und hast dein Flackschiff „Wetten, dass...?“ verlassen und bist rüber zur ARD.
Wir, also Deine noch übrigen 1,25 Mio Fans hoffen, dass Du dich in Deinem neuen Wohnzimmer-Studio inzwischen schon eingelebt hast.
Da habt ihr Euch was ganz Verrücktes einfallen lassen: Das Büro der Redaktion direkt ins Studio geholt und die Sendung auch noch total interaktiv gestaltet.
Deine Zuschauer können sich nun also über Facebook und Twitter in die Sendung einbringen – und sogar nach der Sendung mit Dir chatten.

Nun ja, Thommy, nur doof, dass viele Deiner Zuschauer gar nicht wissen, was Facebook überhaupt ist. Sind ja in der ARD durchschnittlich alle über 50.
Und diejenigen, die es wissen, fragen sich, was sie denn mit einer Krawatte von Günther Jauch, die Du für den besten Facebook-Spruch an Deiner Pinnwand verlost, anfangen sollen.
Ich meine, Du kennst sie ja alle, die Großen, die Stars. Schau Dir doch mal die Veronika Ferres an. Sie gehört ja nahezu zum alten „Wetten, dass...?“ –Inventar. Vroni hätte das ganz anders gelöst. Sie hätte mit brüchiger Stimme und feuchten Augen von ihrem Kinderhilfsprojekt erzählt, die Krawatte von Günther in die Kamera gehalten und anschließend ein Spendenkonto angegeben. So etwas bringt Sympathie.
Gut die hast Du auch. Nur scheinbar nicht mehr so viele, wenn man sich mal fragt, wo die ungefähr neun oder zehn Millionen Zuschauer hin sind, die Du noch bei „Wetten, das...?“ begeistern konntest.

Woran mag das liegen?
Gut, zunächst muss man sagen: Jetzt bist Du im Vorabendprogramm. An sich ja nichts schlechtes, so eine Sendung vor den Tagesthemen. Aber es bleibt halt nun mal das Vorabendprogramm. Das ist so, wie im Restaurant die Vorspeise – die lassen auch viele weg. Und beim Fernsehen ist es die Zeit, in der man nach dem niveaulosen Nachmittagsprogramm entnervt den Fernseher ausgemacht hat, um ihn nach dem Abendessen zu den „richtigen“  Sendungen wieder anzuschalten. Diese Sendungen aber dann mit Kollegen, wie der Pilawa, der Elstner oder der Pflaume.
Die haben zumindest ein Konzept im Gegensatz zu Deiner Sendung. Sagt zumindest dieser Markus Peichl, den Ihr euch jetzt in die Redaktion geholt habt, weil Nichts läuft wie es laufen soll.
Aber ob der Euch die Quoten wieder zurückholt?
Der sagt ja, man müsse Dich mehr zur Geltung bringen. Wie er sagt, würdest Du, wenn Du denn ein Auto wärst, momentan mit 40 km/h auf den Strassen der ARD fahren, obwohl Du locker 300 Sachen drauf hättest...

Für mich ist das aber eher der Michael Schuhmacher-Effekt, lieber Thomas.
Ich meine, der hätte lieber seine Karriere für beendet belassen sollen, nachdem er bei Ferrari aufgehört hatte. Aber nein, er musste wieder ran – aber halt für einen anderen Rennstall. Und nun? Nun tuckert er eben Runde für Runde auf der Rennstrecke herum. Wie Du momentan in der ARD.

Vielleicht wäre es also auch für Dich besser gewesen, wenn Du nach „Wetten, dass...?“ gleich ganz Deinen Hut genommen hättest. Oder hättest letztendlich doch noch ein paar Jahre weiter machen sollen beim ZDF. Ich meine, der jüngste bist Du ja auch nicht mehr...
Und was haben wir jetzt davon?
Bei der ARD wissen sie nicht, was sie nun mit Dir anfangen sollen. Die Quoten im Keller und das neue Konzept muss der Peichl erst mal überarbeiten.
Jetzt hat sich ja sogar schon die Dokumentarfilmbranche eingeschalten und bietet der ARD auf Deinem Sendeplatz ein neues Dokumentarfilmkonzept an. Dazu kommt, dass Du dem ZDF jetzt immer noch Schwierigkeiten machst. Die haben immer noch keinen Nachfolger gefunden. Ich frage mich: Wo soll das hinführen?
Also wenn Du mich fragst, müsste man dieses „Wetten, dass...?“ gleich abschaffen.
Denn, wenn man mal ehrlich ist, lebte „Wetten, dass...?“ von Dir, Thommy und Thomas Gottschalk lebte von „Wetten, dass...?“.
Ohne das Eine funktioniert das Andere einfach nicht.
Schließlich war „Wetten, dass...?“ – und das besonders nach dem schrecklichen Unfall – inhaltlich nicht sehr von Spannung getragen. Gäste, die bereits 100-fach bei Dir zu Gast waren und nun wieder auf der Couch sitzen, um ihren neuen Film zu promoten.
Dazu Wetten, die nicht mehr spektakulär sein dürfen und die man dank des Internets sowieso schon mal irgendwie irgendwo einmal gesehen hat. 
Naja, wenn man dem ZDF glaubt, wollen die ja die Sendung auch ein wenig umstellen. Vorausgesetzt, die finden irgendwann jemanden, der es moderieren wird.
Es bleibt auf alle Fälle spannend. 

Dir, lieber Thomas, wünsche ich auf diesem Wege viel Durchhaltevermögen.
Möge das Vorhaben mit Deiner neuen Sendung irgendwann doch Früchte tragen.
Wer weiß, was Herr Peichl da für Dich ausheckt.
Eines muss noch gesagt werden: Ein Entertainer bist Du ja schon. Nicht, wie die meisten Anderen, die ohne ihren Teleprompter keinen zusammenhängenden Satz herausbekommen würden. Das muss man Dir lassen – im freien Moderieren bist Du einsame Spitze und wahrscheinlich einer der derzeit besten Moderatoren.
Mach’ also das Beste draus - und wenn nicht, kannst Du ja immer noch aufhören.

Hochachtungsvoll,

Ein Fan.

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