TV Kultur und Kritik
ist im Rahmen einer Übung im Fach Medienwissenschaft an der Universität Regensburg entstanden. Der Blog versammelt Kritiken zu den unterschiedlichsten Facetten der Fernsehkultur, die von arte (Breaking Bad) bis RTLII (Die Geissens) reicht. Ziel ist es eine Kritik zu etablieren, die dem Wesen, der Rezeption und der Faszination für das Format gerecht wird. Wir sind offen für Beiträge, die die Auseinandersetzung mit dem Fernsehen erweitern.

Mittwoch, 1. September 2010

Grey’s Anatomy, Emergency Room und Co.: Arztserien und wieso sie immer wieder funktionieren




von Jeanette Bretan

Das heutige Fernsehprogramm ist gefüllt von Serienformaten aller Art. Abenteuer Serien, Fantasy Serien und Krimiserien begeistern schon lange eine große Anzahl von Zuschauern. Serien sind beliebt, sie fesseln und funktionieren im Grunde alle nach einem ähnlichen Prinzip: umso höher das „Suchtpotenzial“ – umso besser die Serie.

Auch Arztserien können vor allem im Rückblick auf die letzten zehn bis fünfzehn Jahre einen wahnsinnigen Erfolg für sich verbuchen. Emergency Room schaffte es auf insgesamt fünfzehn Staffeln, Grey’s Anatomy ist zurzeit in der sechsten Staffel im deutschen Fernsehen zu sehen, und brachte sogar eine „Tochterserie“ heraus – auch Privat Practice läuft mit dem erwarteten Erfolg. Jedoch sind es nicht nur eben diese amerikanischen Produktionen, sondern auch Deutsche wie die Schwarzwaldklinik, welche die Zuschauer durchaus überzeugen und mich so zum Nachdenken anregten – wieso haben gerade Arztserien so großen Erfolg und wieso funktionieren sie immer und immer wieder?

Ein Krankenhaus ist ein Ort, den jeder kennt. Ob eigene oder fremde, jeder Mensch hat wohl persönliche Erinnerungen und Bezüge an ein Krankenhaus. In vielen Fällen dürften diese eher negativ ausfallen – ein Unfall, eine schlimme Krankheit oder sogar ein Todesfall – Krankenhäuser sind der Ort, mit welchem wir genau solche Dinge verknüpfen. Dies mag auch der Grund dafür sein, wieso man sich nicht gerne dort aufhält, warum man sich dort schnell unwohl fühlt und wieso einem dieser klinische Geruch nicht mehr aus dem Kopf geht, sobald man einmal ein Krankenhaus betreten hat.

Auf der anderen Seite kann ein Krankenhaus auch ein Ort für schöne Momente sein: die Geburt eines Kindes, eine gelungene Operation oder der Sieg über eine schlimme Krankheit. Zumindest eines steht fest: ein Krankenhaus ist ein Ort unserer Realität. Gesundheit, Krankheit, Leben und Tod – also zentrale Säulen unseres Lebens – finden genau dort statt. Eine Tatsache, die für den einen besonders schön, für den anderen wahnsinnig schlimm sein kann – ein Krankenhaus ist ein Ort emotionaler Extremsituationen.

Aber ist es allein das, was das Krankenhaus als Schauplatz einer Serie so besonders macht? Auf der einen Seite ist das Krankenhaus der perfekte Ort für eine Fernsehserie. Eine feste Gruppe von Ärzten – die in den meisten Fällen natürlich wahnsinnig gut aussehen, auch wenn sie schon seit 28 Stunden durchgehend arbeiten – trifft Folge für Folge auf die unterschiedlichsten Patienten. So wie das halt ist in einem Krankenhaus. Für eine Serie ist genau das sehr vorteilhaft! Immer wieder tauchen neue Charaktere auf und es entstehen dadurch neue Handlungsstränge, die dem Betrachter eine natürliche Abwechslung bieten. Eine Arztserie lebt von zwischenmenschlichen Beziehungen. Jedoch findet auch der Serien-Verkaufsschlager schlechthin in Arztserien reichlich Verwendung: Sex. Der mit dem, er mit ihr .. die Frage nach Realität muss in diesem Zusammenhang gar nicht erst gestellt werden, aber funktionieren tut es trotzdem. Eine Tatsache, die eine Arztserie zwar mit Sicherheit nicht von anderen Serien abhebt - dieses offensichtliche Geheimrezept findet nun mal überall Verwendung – sie jedoch trotzdem zu dem macht, was sie ist. Zu einer Serie mit großem emotionalem Aspekt.

Womöglich ist auch das der Grund, wieso der Großteil der Arztserien-Fans weiblich ist. Nicht nur die verworrenen und verstrickten Beziehungen zwischen Arzt und Ärztin, Patient und Krankenschwester fesseln die Zuschauer an den Bildschirm. Gerade die verschiedenen Schicksale, die Patientengeschichten und Krankheiten sind emotional mitreißend. Besonders weil das Krankenhaus eben ein so realer Ort ist, ist es dem Betrachter möglich sich schnell in das Geschehen hineinzufinden und mitzufühlen – ein „Suchtfaktor“, den die Arztserie im Vergleich zu anderen Serien womöglich auszeichnet.

Auf der anderen Seite ist jedoch gerade diese Realität, die Nähe und Wirklichkeit eines Krankenhauses als Schauplatz einer Fernsehserie etwas paradox. Ohne Zweifel sind die meisten Unfälle und Krankheitsbilder in Arztserien total überzogen und unwahrscheinlich dargestellt – dennoch beinhalten sie zentrale und immer anwesende Grundängste des Menschen: die Ängste vor Krankheit, Unfall oder sogar dem Tod. Natürlich sind auch diese Punkte gern gesehener Inhalt anderer Serientypen – jedoch ist es wohl trotzdem wahrscheinlicher nach einem Unfall im Krankenhaus zu landen als von CIS Special Agent Gibbs erschossen zu werden. Arztserien sind - trotz dramatischer und übertriebener Elemente – wahnsinnig nah und real. Der an einem Herzinfarkt gestorbene Mann könnte auch Opa sein - oder sogar der eigene Vater. Die an Krebs erkrankte Frau könnte einen selbst zeigen – in zwanzig Jahren. Aber wieso schauen wir uns das an? Ist es nicht irgendwie abartig dabei zuzusehen, wie sich Menschen verletzen, wie sie sterben – und das Folge für Folge?

Vielleicht ist es das - in gewisser Hinsicht. Auf der anderen Seite zeigt uns vielleicht gerade dieses Geschehen, dass es normal ist und irgendwie zum Leben dazugehört. Womöglich macht es uns Mut zu sehen, dass ein schweres Schicksal auch gut ausgehen kann. Möglicherweise ist eine Arztserie deshalb so erfolgreich, weil sie uns das moderne Bild eines Helden vermittelt? Einen Helden im weißen Kittel, der eben nicht mit Hilfe von Spinnenweben durch die Lüfte jagt, sondern sich als Mensch zeigt, mit Gefühlen und Problemen wie wir sie auch haben? Oder ist es einfach angenehm zu sehen, dass das Krankenhaus – ein Ort den jeder mit eigenen Erinnerungen und Gefühlen verknüpft – ein Ort sein kann wie jeder andere auch? Eben nicht weit entfernt und nur im Notfall mit Hilfe der „112“ erreichbar, sondern ganz normal und vielleicht sogar etwas sympathisch? Die Arztserie ist nun einmal etwas Besonderes unter den Serien. Und trotz ständiger Kritik an mangelnder Realität zeigt sich, dass sie gerade im Vergleich zu anderen Serientypen in diesem Punkt weit voraus ist. Schließlich interessiert sich auch niemand dafür, wieso Raumschiff Enterprise nun Krieg gegen andere Sterne führt, oder wieso die Personen in FlashForward von unbeschreiblichen Zukunftsvisionen heimgesucht werden. Das ist einfach so, und damit gibt sich der Zuschauer auch zufrieden. Deshalb darf man wohl auch von einer Arztserie nicht verlangen, total realistisch zu sein. Sie spielt an einem realen Ort, mit mehr oder weniger realen Personen, und zeigt uns – zumindest teilweise – reale Unfälle und Begebenheiten. Was will man mehr? Schließlich fehlt noch ein ganz wichtiger Punkt, der eine Serie zu einer guten Serie macht: sie muss unterhaltsam sein! Und – mit welchen Mitteln auch immer – das schafft die moderne Arztserie wohl eindeutig. Es soll schließlich Spaß machen, fesseln, süchtig machen. Und das kann sie ohne Zweifel – nicht viele Serien haben letzten Endes ganze fünfzehn Staffeln durchhalten können, oder?

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