TV Kultur und Kritik
ist im Rahmen einer Übung im Fach Medienwissenschaft an der Universität Regensburg entstanden. Der Blog versammelt Kritiken zu den unterschiedlichsten Facetten der Fernsehkultur, die von arte (Breaking Bad) bis RTLII (Die Geissens) reicht. Ziel ist es eine Kritik zu etablieren, die dem Wesen, der Rezeption und der Faszination für das Format gerecht wird. Wir sind offen für Beiträge, die die Auseinandersetzung mit dem Fernsehen erweitern.

Mittwoch, 4. April 2012

Law and Order: Special Victims Unit

von Mirjam Keisinger

Es ist dunkel, man sieht eine einsame und ziemlich schmutzige Gasse irgendwo in einer Großstadt. Plötzlich sind eilige Schritte zu hören und Frauenbeine rennen durch das Bild. Die Kamera schwenkt auf das verschwitzte Gesicht der Frau in dem sich Panik breit macht als sie bemerkt dass sie geradewegs in eine Sackgasse gelaufen ist. Ihr Verfolger hat sie schon eingeholt, es gibt kein Entkommen. Man hört noch das verzweifelte Schreien der Frau während die Kamera aus der Gasse herauschwenkt.

Darauf folgt das Intro mit eingängier Titelmusik und der Vorstellung der verschiedenen Charaktere beziehungsweise der Schauspieler die sie darstellen. Diese Anfangsszene mag es nicht wirklich geben, aber so oder so ähnlich beginnen die meisten Krimiserien aus den USA die im deutschen Fernsehen laufen und bei Law and Order ist das nicht anders.
Dennoch beginnt Law and Order: Special Victims Unit (SVU) im Gegensatzt zu all den anderen, ähnlichen Formaten noch vor dem Vorspann immer mit der gleichen Einleitung:

„Bei Polizei und Staatsanwaltschaft gelten Sexualverbrechen als besonders abscheulich. In New York City gehören die engagierten Detectives, die in diesen brutalen Fällen ermitteln, zur Sondereinheit für Sexualdelikte. Dies sind ihre Geschichten.“ 

Damit ist im Prinzip auch alles zum Konzept der Serien gesagt denn Law and Order: SVU oder auch Law and Order: New York befasst sich speziell mit Sexualverbrechen aller Art und quer durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Wohingegen es sich in der Serie Law and Order, von der Law and Order: SVU ein Ableger ist, hauptsächlich um Gewaltverbrechen dreht.
Die Idee für die Serien stammt von Dick Wolf, einem der einflussreichsten Produzenten was amerikanische Krimiserien betrifft. Law and Order: SVU wurde erstmals 1999 auf NBC ausgestrahlt und bislang 18 Mal für den Emmy nominiert. In den Jahren 2005 und 2006 wurde die Serie schliesslich auch ausgezeichnet. Bis heute gibt es 289 Episoden à 40 Minuten in 13 Staffeln, wobei in Deutschland die 12. Staffel noch nicht komplett ausgestrahlt wurde.

Jede Episode hat einen relativ ähnlichen Ablauf. Nach der bereits erwähnten Einleitung folgt eine kurze aber prägnannte Szene in der das Verbrechen, das in der jeweiligen Episode aufzuklären ist, sozusagen 'vorgestellt' wird. Natürlich dient diese kurze Szene auch dazu den Zuschauer neugierig zu machen.
Das Verbrechen selbst allerdings ist, obwohl Law and Order zu der Kategorie Krimi gehört nicht zwangsläufig ein Mord.
Es kann sich auch wie in Staffel 7 Folge 3 "Notruf" um ein entführtes  Kind handeln das es schafft bei der Sondereinheit mit einem längst abgemeldeten Handy anzurufen und mit minimalen Hinweisen die Detectives letztendlich zu seinem Standort zu führen. Doch auch so eine Folge ohne Leiche ist durchaus nicht langweilig sondern durch eine geschickte Erzählweise spannend gestaltet: Vor allem während der Anfangsphase der Ermittlungen stellt sich durchgehen die Frage, ob das Kind die Wahrheit sagt oder alles nur ein Scherzanruf ist. Währenddessen besteht, unter anderen Problemen wie einem schwachen Handy-Akku, die Gefahr dass der pädophile Entführer jederzeit entdecken könnte dass sein Opfer Kontakt mir der Aussenwelt aufgenommen hat. Die wenigen und teilweise verwirrenden Angaben des Kindes machen sein Auffinden auch nicht leichter.
Zwar beinhaltet der Hauptteil der Fälle durchaus Mord aber selbst dann ist das nicht immer von Beginn der Folge an der Fall. Die Geschichte kann auch verhältnismäßig harmlos anfangen, beispielsweise mit einer Anzeige wegen sexueller Belästigung oder eines Übergriffs und dann in einem Mord eskalieren weil der Täter das Gefühl bekommt, dass er in die Enge getrieben wird und man ihm auf die Schliche kommt.

Nachdem das Intro gelaufen ist wird in der Regel wieder der Tatort gezeigt, allerdings diesmal mit Polizei und Spurensicherung vor Ort und es werden die ersten Informationen geklärt die bereits über die Tat und das Opfer gesammelt wurden. Das hilft auch dem Zuschauer sich schon mal ein grobes  Bild davon zu machen was passiert ist.
Danach beginnen die Ermittlungen. Denn Law and Order gehört zu den Serien bei der die 'gute alte Polizeiarbeit' im Mittelpunkt steht. Das heisst seitens der Detectives viel Laufarbeit,  Befragungen und Verhöre. Es gibt zwar auch die Gerichtsmedizin, denn sie ist heutzutage aus der Polizeiarbeit nicht mehr wegzudenken und die Produzenten versuchen die Serie durchaus möglichst realistisch zu gestalten, aber sie wird nicht so in den Mittelpunkt gerückt wie zum Beispiel in der CSI Reihe. Im Fall von Law and Order dient das Auswerten von Beweisen oder das Obduzieren der Leichen lediglich dazu den Detectives weiter Hinweise oder Beweise zu liefern damit die eigentliche Handlung, also die Arbeit der Detectives, vorangetrieben werden kann. Gelegentlich gibt die Gerichtsmedizin den Ermittlungen auch eine neue Richtung wenn die alte Beweiskette in eine Sackgasse geführt hat, was öfter mal vorkommt. Überraschende Wendungen sind bei Law and Order keine Seltenheit und sorgen dafür dass es in den 40 Minuten Sendezeit nicht langweilig wird, denn wie in Staffel 7 Folge 2 "Perfekt" kann auch eine Person die am Anfang ganz klar das Opfer zu sein scheint sich im Laufe der Folge als durchtriebener Täter herausstellen.

Am Ende der jeweiligen Folge kommt dann der große Auftritt der Staatsanwaltschaft. Mit den gesammelten Beweisen, Aussagen oder auch Geständnissen wird Anklage erhoben. Oft allerdings läuft der Prozess nicht so wie geplant, es tauchen neue Beweise auf, Zeugen verschwinden oder ändern ihre Aussage oder die Verteidigung wartet mit einem besonders ausgeklügelten Plan auf um ihrem Mandante einen Freispruch oder zumindest einen guten Deal zu ermöglichen. Das führt dazu dass auch am Ende der Episode die Spannung nicht nachlässt und eine unvermuteter Ausgang durchaus möglich ist. Was aber auch bedeutet, dass wie bei realen Fällen jemand der ganz klar der Täter ist nicht verurteilt wird, mit dem Urteil unzufriedene Opfer zu Selbstjustiz greifen, oder aber der Täter mit einem relativ leichtem Urteil davonkommt.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Serie sind die einzelnen Hauptcharaktere von denen die Detectives und Partner Eliot Stabler und Olivia Benson wohl am meisten Aufmerksamkeit bekommen. Da die beiden eher unterschiedliche Persönlichkeiten haben ergänzen sie sich sehr gut. So ist Olivia die Einfühlsame, Geduldige die versucht die Opfer zu verstehen und auch wenn ihnen keiner sonst glaubt zu helfen. Dazu kommt dass sie selbst das Ergebnis einer Vergewaltigung ist was ihre Rolle noch authentischer  macht, denn wenn sie den Opfern versichert dass sie versteht wie sie sich fühlen, dann ist das nicht einfach eine Floskel.
Ihr Partner Eliot dagegen geht schon recht gerne an die Decke wenn etwas nicht so läuft wie er sich das vorstellt, vornehmlich bei Verhören. Da kommt es auch vor dass er das Opfer anbrüllt weil es offensichtlicherweise nicht die ganze Wahrheit sagt. Dennoch sind seine Reaktionen größtenteils nachvollziehbar, hat er doch selbst Familie und Kinder und ist dazu eher konservativ eingestellt.
Zu ihren Kollegen gehören die Detectives Odafin Tutuola und John Munch: ein Schwarzer, der selbst eher wie eine zwielichtige Strassengestalt aussieht, und ein paranoider Jude. Auch wenn sie nicht so sehr im Vordergrund stehen wird doch klar, dass sie gute Arbeit leisten und ausserdem sorgen sie im Team für eine gewisse Komik die die Serie etwas auflockert.
Weitere Charaktere die regelmäßig in den Folgen auftreten sind der Captain der Abteilung, der Polizeipsychologe, die Staatsanwältin und die Gerichtsmedizienerin. Die Besetztung der Charaktere hat sich seit Start der Serie kaum verändert. Ausgenommen die Staatsanwältin, die aber bei jeder Neubesetztung weiblich und blond geblieben ist, was sich auch nicht ändert als Sharon Stone vier Folgen lang eine Gastrolle als Staatsanwältin Jo Marlowe übernimmt.
Generell kann man sagen, dass die Charaktere zwar sehr unterschiedlich sind und dadurch verschiedene Sichtweisen in den jeweilige Fällen vertreten aber dennoch gut miteinander harmonieren. Der einzige Wermutstropfen ist, dass sie (auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt) oft ziemlich berechenbar handeln und es leider kaum eine Weiterentwicklung gibt. Eliot Stabler geht auch in der neuen Staffel immer noch genauso und bei den gleichen Dingen an die Decke wie in der ersten und man fragt sich schon warum das eigentlich nie wirklich ernste Konsequenzen hat und er immer mit einem blauen Auge davon kommt. Auch bei Olivia Benson verändert sich nicht wirklich etwas und die Tatsache dass sie als einzige Frau im Team der Detectives die Mitfühlende gibt wirkt an manchen Stellen schon recht klicheehaft. Es wäre vielleicht auch mal interessant Tutuola und Munch nicht nur gelegentlich, sondern etwas öfter in den Mittelpunkt zu stellen, da ich finde dass die Charaktere durchaus Potenzial haben und keineswegs langweilig sind.

Trotzdem ist Law and Order: SVU eine sehr gelungen Serie die das schwierige Thema Sexualverbrechen mit dem nötigen Respekt behandelt. Die Fälle sind mal mehr mal weniger schwerwiegend und zeichnen sich durch eine große inhaltliche Vielfalt aus oder anders gesagt, auch nach über 200 Folgen wird es defintiv nicht langweilig. Auch wird dem Zuschauer nicht eine Meinung aufgedrängt, vielmehr bekommt man die verschiedenen Fälle durch die Sichtweise der Detectives auch von verschiedenen Standpunkten aus präsentiert. Die Geschichten sind nicht einfach nur in schwarz und weiss gemalt. Allein die Ratlosigkeit der Staatsanwaltschaft wie und ob man Anklage erheben soll und wegen welchem Delikt genau zeigt wie schwierig es doch ist die Beteiligten einfach in Opfer und Täter zu teilen, vor allem wenn Kinder als Täter involviert sind. Genau wie im wahren Leben präsentiert sich alles zumeist in Grautönen, das verleiht der Serie aber auch ihre Authenzität. Für Krimiliebhaber die kein Problem damit haben wenn ein Fall mal nicht mit einem Happy End aufwarten kann ist Law and Order: SVU also definitiv zu empfehlen.


1 Kommentar:

  1. Ich kann diese Kritik inhaltlich absolut nicht teilen. SVU ist nach meinem Gusto direkt aus der Feder der US Homeland Sexurity entwickelt worden und spiegelt die gesamte kranke Prüderie der US Gesellschaft wieder. Es werden Zeugen eingeschüchtert und bedroht, auf den Rechten von Verdächtigen herumgetrampelt und auch mal zugelangt, wenn jemand beharrlich einen Anwalt verlangt (ich lege hier den US Rechtsmaßstab an, nicht den deutschen). Die Serie ist außerdem verdeckt homophob. Hinzutreten die psychisch extrem gestörten Charaktere: "Olivia", die man zwangsbehandeln sollte, ihr Partner, Ex-Marine und passionierter Schläger mit Vaterkomplex ( gibt es häufiger bei Dick Wolf, man denke z. B. an DA McCoy aus Law&Order, der von seinem katholisch-irischen Polizistendaddy mit der Schaufel verprügelt wurde), Black Panty Tutuola, der nebenberuflich Zuhälter zu sein scheint und peinliches Brudergetue eindeutig überzieht. Der einzig glaubhafte Charakter ist der alkooholkranke, aber on/off trockene Captain Kragen. Gestern habe ich z. B. eine Folge gesehen, in der die "Detectives" durch Zwangsouting mal eben so das Leben eines homosexuellen Familienvaters zerstört haben, nur weil der nicht so wollte, wie es "Liv" und die anderen Kasper wollten. Mein Fazit daher: Abschalten und die DVD-Importe vom Zoll schreddern lassen!

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