TV Kultur und Kritik
ist im Rahmen einer Übung im Fach Medienwissenschaft an der Universität Regensburg entstanden. Der Blog versammelt Kritiken zu den unterschiedlichsten Facetten der Fernsehkultur, die von arte (Breaking Bad) bis RTLII (Die Geissens) reicht. Ziel ist es eine Kritik zu etablieren, die dem Wesen, der Rezeption und der Faszination für das Format gerecht wird. Wir sind offen für Beiträge, die die Auseinandersetzung mit dem Fernsehen erweitern.

Mittwoch, 1. September 2010

Von Kompromissen und Wagnissen: Kinofilme im TV













von Christina Grundl


Als im März die Free-TV-Premiere des Blockbusters „Fluch der Karibik 3“ auf ProSieben ausgestrahlt wurde, gelang dem Sender ein fulminanter Quotenhit. Sage und schreibe sieben Millionen Zuschauer lockte das Piraten-Epos an - satte 40 Prozent der werberelevanten Zielgruppe. So viel hatte seit der Fußball-EM 2008 keine Sendung mehr erreicht. Die unglückliche Panne eines ProSieben-Mitarbeiters trat dabei eher ins Hintertreffen. Am besagten Sonntagabend vergaß der Bemitleidenswerte nämlich, den Schluss des Blockbusters einzulegen. Stattdessen ließ er das Programm nach dem letzten Werbeblock nahtlos weiterlaufen. Ein solcher Fauxpas ist an sich keine große Sache, der Sender entschuldigte sich und machte menschliches Versagen für den Fehler verantwortlich. Die letzte Sequenz war ohnehin nicht unbedingt essenziell für das Verständnis der Story – im Kino lief sie als Post-Credit-Szene nach dem Abspann.

Solch unglückliche Einzelfälle sind zwar ärgerlich, aber nur die Spitze des Eisbergs. Bei allem Komfort durch HD-Fernseher und gute Soundanlagen – ein Heimkinofreund muss sich auf einige Kompromisse einlassen. Die Werbeunterbrechungen, die den Zuschauer etwa alle 20 Minuten aus der Geschichte reißen und zurück in sein Wohnzimmer katapultieren, sind dabei das geringste Problem. Daran hat man sich nach fast 30 Jahren Privatfernsehen im Normalfall gewöhnt. Die Immersion, das tatsächliche Eintauchen in den Film wird vielmehr durch die Rezeptionssituation an sich erschwert. Sieht man sich einen Spielfilm werbefrei, beispielsweise auf einem öffentlich-rechtlichen Sender an, befindet man sich deswegen trotzdem noch zuhause. Im Gegensatz zum Kino schafft der Fernseher keine Realität - er ist Teil der Realität. In Günter Giesenfelds und Prisca Pruggers Arbeit zu Fernsehserien beschreiben sie das Fernsehen passend als „zweite Ebene von kontinuierlicher Lebenserfahrung, in der Fiktion und Alltagswelt sich verschlingen können“. Die Alltäglichkeit ist es gerade, welche die beiden Medien so stark voneinander abgrenzt – von der Bildgröße ganz zu schweigen. Anders als im Kinosaal ist der Zuseher im Wohnzimmer zeitlich, räumlich und sogar inhaltlich ungebunden. Und selbst wenn er nicht um- oder abschaltet oder sich ein neues Bier aus der Küche holt – allein die Möglichkeit dazu macht den Unterschied. Der Inhalt ist dabei fast nebensächlich, wie Marshall McLuhan bereits 1964 erkannte. „The Medium ist the Message“ – die Werbepausen tragen nur ihren Teil dazu bei.

Komplizierter wird es aber, wenn selbst dieser Rezeptionskompromiss immer weiteren Einschränkungen unterliegt. Ein passendes Beispiel hierfür ist der Trend zur Split-Screen-Werbung, also die parallele Ausstrahlung werblicher und redaktioneller beziehungsweise fiktionaler Inhalte. Werbung und Programm werden auf dem Bildschirm räumlich voneinander getrennt, per Gesetz ist eine eindeutige, optische Unterscheidung vorgeschrieben. So kann es also sein, dass sich unter der fliegenden Plastiktüte aus „American Beauty“ plötzlich ein stöhnender Homer Simpson ins Bild drängt, der einen überdimensionalen Doughnut vor sich her schiebt und für die neue „Simpsons“-Staffel wirbt. Auch die Praxis des langsameren Abspielens von Filmen durch den Sender ist kein Geheimnis. Dadurch lässt sich ein zusätzlicher Werbeblock im zuschauerstarken Programm platzieren, ohne den rechtlich festgelegten Abstand von 20 Minuten zwischen den Unterbrechungen zu unterschreiten. Durch solche Praktiken wird der Film nicht nur unterbrochen, sondern in seiner ästhetischen und sogar inhaltlichen Wirkung verfremdet. Noch extremer zeigt sich das in der gängigen TV-Praxis des nachträglichen Schneidens von Spielfilmen. Dabei muss es sich nicht unbedingt um brutale Horror- oder Sexszenen handeln. Am 27. Dezember 2009 zeigte RTL die Wiederholung des Peter-Jackson-Remakes vom Monster-Klassiker „King Kong“. Der Sender entschied sich dafür, den Film bereits nachmittags um 13:45 Uhr auszustrahlen. Der Kompromiss diesmal: 67 Schnitte und unglaubliche 23 Minuten Kürzung vom Original, das von der FSK ohnehin bereits für Zwölfjährige freigegeben worden war. Ob Peter Jackson das weiß?

Dabei handelt es sich nur um ein Beispiel von unzähligen, kaum ein Film wird uns im Privatfernsehen so gezeigt, wie er ursprünglich beabsichtigt war. Dabei stellt sich doch die Frage, wie viel den Sendern ein solcher Kinofilm wert ist. Muss man gewaltlastige Action- oder Horrorfilme unbedingt vor 23:00 Uhr senden und dabei schlechte Schnitte und Anschlussfehler billigend in Kauf nehmen? Wie wichtig ist es den Sendern überhaupt, dem Zuschauer einen bestmöglichen Fernsehabend mit einem guten Film zu bieten? Der Lizenzhandel funktioniert längst nicht mehr nur mit Einzeltiteln. In „package deals“ werden bis zu 100 Spielfilme auf einmal gekauft. Die A-Titel funktionieren dabei als Zugpferde. Blockbuster gibt es aber nur in Kombination mit weniger attraktiven B- und C-Titeln. Offenbar sind einige Verantwortliche glühende McLuhan-Fans – der Inhalt wird überbewertet. Das würde auch ProSiebens kleines Piratenunglück in völlig anderem Licht erscheinen lassen.

Dabei muss es nicht so sein. Die meisten öffentlich-rechtlichen Sender bemühen sich durchaus, Kinofilme möglichst in ihrer Originalfassung und sogar im Originalformat auszustrahlen, auch wenn das manchmal zu seltsamen schwarzen Balken an allen vier Seiten des Bildschirmes führt. Ein Fernseher, egal wie dünn und groß, ist und bleibt ein Fernseher und keine Kinoleinwand. Trotzdem wäre es falsch zu fordern, Kinofilme nicht mehr ins TV-Programm aufzunehmen. Das Fernsehen hat im Laufe der Zeit einen großen, wenn auch nicht unverzichtbaren Beitrag zur Entwicklung einer Filmkultur beigetragen. Vor dem Siegeszug von DVD und Internet stellte es die einzige Vermittlungsinstanz zwischen Filmgeschichte und Gegenwart dar.

Erst am gestrigen Samstagabend wagte arte dabei einen interessanten Versuch und kooperierte dafür sogar mir einem eher ungeliebten Kollegen – der „Bild“-Zeitung. Gezeigt wurden Alfred Hitchcocks „Bei Anruf Mord“ von 1953 und der Horrorfilm „Der Schrecken vom Amazonas“ aus dem Jahr 1954 – in 3D! Um möglichst viele Zuschauer anzusprechen wagte arte einen gelungenen Marketing-Coup. Die Brillen lagen der aktuellen Ausgabe der „Bild“-Zeitung bei, die ihrerseits komplett in 3D-Optik gedruckt war. arte dabei die Absicht zu unterstellen, auf den 3D-Zug aufspringen zu wollen, ist - hat man den Film gesehen - völlig ungerechtfertigt. Das Polarisationsverfahren mit den rot-grünen 3D-Brillen ist kaum mit aktuellen Techniken zu vergleichen. Tatsächlich hatte Alfred Hitchcock bereits ein halbes Jahrhundert vor James Camerons „Avatar“ mit der Technik experimentiert – damals übrigens, um dem drohenden Kinosterben entgegen zu wirken. Im Gegensatz zu den hyperrealen tiefschichtigen Ansichten eines „Avatar“ wirken die rot-grünen Pappbrillen fast süß und irgendwie kultig. Auch wenn die strapazierten Augen nach 101 Minuten irgendwann nach Erlösung schreien und der zweifellos raffinierte Hitchcock-Klassiker auch zweidimensional Spaß gemacht hätte, von solchen Wagnissen wünscht man sich mehr im Fernsehen – auch von den Privatsendern.

Es muss ja nicht gleich ein 50er-Jahre-Film sein, etwas mehr Wertschätzung und Gegenliebe gegenüber dem Werk von Filmschaffenden würde schon genügen. Schließlich gelten Spielfilme als entscheidende Investition in die Marke des Senders, nicht zuletzt weil Werbekunden etwa fünf Mal soviel in sie investieren, wie in TV-Produktionen. Daneben profitiert auch die Filmindustrie von Lizenzvergaben an Fernsehsender. Etwa ein Viertel der Einnahmen eines Kinofilms resultieren aus der nachgelagerten TV-Vermarktung, von den DVD-Verkäufen ganz abgesehen. Anders könnten die horrenden Budgetaufwendungen auch nicht mehr refinanziert werden. Sah sich die Kinoindustrie in den 50er und 60er Jahren noch durch das aufstrebende neue Medium Fernsehen in Gefahr, ist aus der einstigen Konkurrenz eine Interdependenz geworden, die für die Zuschauer ebenso sinnvoll sein sollte, wie für Fernsehmacher und Filmschaffende.

Grey’s Anatomy, Emergency Room und Co.: Arztserien und wieso sie immer wieder funktionieren




von Jeanette Bretan

Das heutige Fernsehprogramm ist gefüllt von Serienformaten aller Art. Abenteuer Serien, Fantasy Serien und Krimiserien begeistern schon lange eine große Anzahl von Zuschauern. Serien sind beliebt, sie fesseln und funktionieren im Grunde alle nach einem ähnlichen Prinzip: umso höher das „Suchtpotenzial“ – umso besser die Serie.

Auch Arztserien können vor allem im Rückblick auf die letzten zehn bis fünfzehn Jahre einen wahnsinnigen Erfolg für sich verbuchen. Emergency Room schaffte es auf insgesamt fünfzehn Staffeln, Grey’s Anatomy ist zurzeit in der sechsten Staffel im deutschen Fernsehen zu sehen, und brachte sogar eine „Tochterserie“ heraus – auch Privat Practice läuft mit dem erwarteten Erfolg. Jedoch sind es nicht nur eben diese amerikanischen Produktionen, sondern auch Deutsche wie die Schwarzwaldklinik, welche die Zuschauer durchaus überzeugen und mich so zum Nachdenken anregten – wieso haben gerade Arztserien so großen Erfolg und wieso funktionieren sie immer und immer wieder?

Ein Krankenhaus ist ein Ort, den jeder kennt. Ob eigene oder fremde, jeder Mensch hat wohl persönliche Erinnerungen und Bezüge an ein Krankenhaus. In vielen Fällen dürften diese eher negativ ausfallen – ein Unfall, eine schlimme Krankheit oder sogar ein Todesfall – Krankenhäuser sind der Ort, mit welchem wir genau solche Dinge verknüpfen. Dies mag auch der Grund dafür sein, wieso man sich nicht gerne dort aufhält, warum man sich dort schnell unwohl fühlt und wieso einem dieser klinische Geruch nicht mehr aus dem Kopf geht, sobald man einmal ein Krankenhaus betreten hat.

Auf der anderen Seite kann ein Krankenhaus auch ein Ort für schöne Momente sein: die Geburt eines Kindes, eine gelungene Operation oder der Sieg über eine schlimme Krankheit. Zumindest eines steht fest: ein Krankenhaus ist ein Ort unserer Realität. Gesundheit, Krankheit, Leben und Tod – also zentrale Säulen unseres Lebens – finden genau dort statt. Eine Tatsache, die für den einen besonders schön, für den anderen wahnsinnig schlimm sein kann – ein Krankenhaus ist ein Ort emotionaler Extremsituationen.

Aber ist es allein das, was das Krankenhaus als Schauplatz einer Serie so besonders macht? Auf der einen Seite ist das Krankenhaus der perfekte Ort für eine Fernsehserie. Eine feste Gruppe von Ärzten – die in den meisten Fällen natürlich wahnsinnig gut aussehen, auch wenn sie schon seit 28 Stunden durchgehend arbeiten – trifft Folge für Folge auf die unterschiedlichsten Patienten. So wie das halt ist in einem Krankenhaus. Für eine Serie ist genau das sehr vorteilhaft! Immer wieder tauchen neue Charaktere auf und es entstehen dadurch neue Handlungsstränge, die dem Betrachter eine natürliche Abwechslung bieten. Eine Arztserie lebt von zwischenmenschlichen Beziehungen. Jedoch findet auch der Serien-Verkaufsschlager schlechthin in Arztserien reichlich Verwendung: Sex. Der mit dem, er mit ihr .. die Frage nach Realität muss in diesem Zusammenhang gar nicht erst gestellt werden, aber funktionieren tut es trotzdem. Eine Tatsache, die eine Arztserie zwar mit Sicherheit nicht von anderen Serien abhebt - dieses offensichtliche Geheimrezept findet nun mal überall Verwendung – sie jedoch trotzdem zu dem macht, was sie ist. Zu einer Serie mit großem emotionalem Aspekt.

Womöglich ist auch das der Grund, wieso der Großteil der Arztserien-Fans weiblich ist. Nicht nur die verworrenen und verstrickten Beziehungen zwischen Arzt und Ärztin, Patient und Krankenschwester fesseln die Zuschauer an den Bildschirm. Gerade die verschiedenen Schicksale, die Patientengeschichten und Krankheiten sind emotional mitreißend. Besonders weil das Krankenhaus eben ein so realer Ort ist, ist es dem Betrachter möglich sich schnell in das Geschehen hineinzufinden und mitzufühlen – ein „Suchtfaktor“, den die Arztserie im Vergleich zu anderen Serien womöglich auszeichnet.

Auf der anderen Seite ist jedoch gerade diese Realität, die Nähe und Wirklichkeit eines Krankenhauses als Schauplatz einer Fernsehserie etwas paradox. Ohne Zweifel sind die meisten Unfälle und Krankheitsbilder in Arztserien total überzogen und unwahrscheinlich dargestellt – dennoch beinhalten sie zentrale und immer anwesende Grundängste des Menschen: die Ängste vor Krankheit, Unfall oder sogar dem Tod. Natürlich sind auch diese Punkte gern gesehener Inhalt anderer Serientypen – jedoch ist es wohl trotzdem wahrscheinlicher nach einem Unfall im Krankenhaus zu landen als von CIS Special Agent Gibbs erschossen zu werden. Arztserien sind - trotz dramatischer und übertriebener Elemente – wahnsinnig nah und real. Der an einem Herzinfarkt gestorbene Mann könnte auch Opa sein - oder sogar der eigene Vater. Die an Krebs erkrankte Frau könnte einen selbst zeigen – in zwanzig Jahren. Aber wieso schauen wir uns das an? Ist es nicht irgendwie abartig dabei zuzusehen, wie sich Menschen verletzen, wie sie sterben – und das Folge für Folge?

Vielleicht ist es das - in gewisser Hinsicht. Auf der anderen Seite zeigt uns vielleicht gerade dieses Geschehen, dass es normal ist und irgendwie zum Leben dazugehört. Womöglich macht es uns Mut zu sehen, dass ein schweres Schicksal auch gut ausgehen kann. Möglicherweise ist eine Arztserie deshalb so erfolgreich, weil sie uns das moderne Bild eines Helden vermittelt? Einen Helden im weißen Kittel, der eben nicht mit Hilfe von Spinnenweben durch die Lüfte jagt, sondern sich als Mensch zeigt, mit Gefühlen und Problemen wie wir sie auch haben? Oder ist es einfach angenehm zu sehen, dass das Krankenhaus – ein Ort den jeder mit eigenen Erinnerungen und Gefühlen verknüpft – ein Ort sein kann wie jeder andere auch? Eben nicht weit entfernt und nur im Notfall mit Hilfe der „112“ erreichbar, sondern ganz normal und vielleicht sogar etwas sympathisch? Die Arztserie ist nun einmal etwas Besonderes unter den Serien. Und trotz ständiger Kritik an mangelnder Realität zeigt sich, dass sie gerade im Vergleich zu anderen Serientypen in diesem Punkt weit voraus ist. Schließlich interessiert sich auch niemand dafür, wieso Raumschiff Enterprise nun Krieg gegen andere Sterne führt, oder wieso die Personen in FlashForward von unbeschreiblichen Zukunftsvisionen heimgesucht werden. Das ist einfach so, und damit gibt sich der Zuschauer auch zufrieden. Deshalb darf man wohl auch von einer Arztserie nicht verlangen, total realistisch zu sein. Sie spielt an einem realen Ort, mit mehr oder weniger realen Personen, und zeigt uns – zumindest teilweise – reale Unfälle und Begebenheiten. Was will man mehr? Schließlich fehlt noch ein ganz wichtiger Punkt, der eine Serie zu einer guten Serie macht: sie muss unterhaltsam sein! Und – mit welchen Mitteln auch immer – das schafft die moderne Arztserie wohl eindeutig. Es soll schließlich Spaß machen, fesseln, süchtig machen. Und das kann sie ohne Zweifel – nicht viele Serien haben letzten Endes ganze fünfzehn Staffeln durchhalten können, oder?

Des Dritten Bildungsweg












von Martin Jukic


Über Geschmack und Humor lässt sich bekanntlich nicht streiten. Da es hier aber nicht um die neueste Folge des Perfekten Promi-Dinners gehen soll, lassen wir den Geschmack außen vor und werfen einen Blick auf die vielfältige Welt des Humors im deutschen Fernsehen. Täglich werden die verschiedensten Arten von Sendungen ausgestrahlt, die unsere Lachmuskeln strapazieren sollen. Von Sketchsendungen, ob brandneu oder Klassiker in zigfacher Wiederholung über lustige Trickserien, manche hauptsächlich konzipiert für Kinder, andere ausdrücklich für Ältere gedacht, bis zu Sitcoms und Clipshows, deren Wurzeln in Amerika liegen, sollte für jeden Gusto etwas zu finden sein. Mancher Zuschauer steht solch „flacher“ Unterhaltung eher kritisch gegenüber und lässt sich ausschließlich auf Kabarett ein, da er einen Nutzen des Humors für die Verbesserung der Gesellschaft sucht, den er nur hierbei erkennt. Die Tradition des Kabaretts im deutschsprachigen Raum ist sicher besonders groß. Berühmte Vertreter der Vergangenheit wie Karl Valentin, Heinz Erhardt und Wolfgang Neuss, sowie lebende Künstler wie Dieter Hildebrandt, Werner Schneyder und Georg Schramm sind weithin bekannt. Daher werden im deutschen Fernsehen auch zur Zeit viele, meist wöchentlich ausgestrahlte, Kabarettsendungen angeboten.

Einige beleuchten ausschließlich politische Aspekte, während andere sich thematisch mit Comedysendungen vermischen. Wobei selbst viele Kabarettisten und Komödianten den Unterschied nicht recht festzumachen vermögen. Die Grenzen sind hier sicher fließend. Als Beispiel sei hier Mathias Richling erwähnt, der in seiner Sendung Satiregipfel seit 2009 zwischen komplexen satirischen Gedankengängen, Parodien und teilweise weniger politischen Auftritten verschiedener Gäste wechselt.

Eine weitere Sendung, die bezüglich ihrer Konzeption aus dem Rahmen fällt, ist die im Juli und August im WDR ausgestrahlte Sendung Der dritte Bildungsweg des Kölner Kabarettisten Jürgen Becker. Das als Universitätsvorlesung gestaltete Programm verbindet die Elemente des politischen Kabaretts mit wissenschaftlichen Fragen und historischen Hintergründen und wird von „Professor“ Becker und seinen „Mitarbeitern“ Beate Bohr, Vince Ebert und Martin Stankowski im Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn präsentiert. Dazu gesellt sich in jeder Folge ein Prominenter Gast, der zum jeweiligen „Vorlesungsthema“ als passender Gesprächspartner erscheint. Zum Thema Religion am 25. Juli 2010 erschien beispielsweise der Religionskritiker und Erbauer provokanter Karnevalswagen, Jacques Tilly. Die Sendung ist abwechslungsreich gestaltet. Die Monologe Beckers, die auf humorvolle Weise wissenschaftliche Themen zu erklären versuchen, teilweise mit verblüffenden Wahrheiten, teilweise mit intelligent konstruierten Assoziationen, bilden den Kern des Programms. Die hauptsächlich auf die Regionalgeschichte Nordrhein-Westfalens bezogenen Reportagebeiträge Martin Stankowskis, der sich als vermitteln auf kreativ-investigative Weise einen etwas anderen Einblick in die historischen Umstände des Landes. Dieser ist als Germanist und bekannter Buchautor auf dem selben Gebiet auch bestens dafür geeignet und bringt sein Fachwissen auf amüsante Art und Weise zurr Geltung. Auch die Auftritte des studierten Physikers Vince Ebert, der ebenso wie Becker bereits durch Soloprogramme und Auftritte in anderen Kabarettsendungen bekannt ist, fügen sich harmonisch in das Ambiente ein: Wissenschaft zum schmunzeln und weiterdenken, bildungsfördernd und intelligent. Als Kritikpunkt könnte man höchstens anmerken, dass manche Probleme, wie der heilige Krieg radikaler Islamisten, etwas zu harmlos dargestellt werden. Hier besteht jedoch die Schwierigkeit, sich wieder in bitterernstes Terrain zu begeben, indem einem das Lachen im Halse stecken bleiben könnte. Beispielsweise wohnt einigen Nummern Georg Schramms dieses Gefühl inne, hier wäre es aber möglicherweise fehl am Platz.

Auch die starke Beschränkung auf Themen aus dem niederrheinischen Raum könnte man als negativen Aspekt nennen. Allerdings dient dies teilweise auch dazu, einen konkreten geschichtlichen Bezug herzustellen und Themen klar zu fokussieren. Außerdem handelt es sich schließlich um eine Sendung des WDR, dem man, wie jedem Dritten Programm, sicher eine Portion Lokalkolorit zugestehen sollte. Auch die teilweise obligatorisch erscheinenden Seitenhiebe auf den 1.FC Köln und die teilweise recht kalauerhaften Pointen hierzu kann man der Sendung sicher verzeihen, denn diese sind einerseits Auflockerung des teils sehr anspruchsvollen Humors, andererseits verstärken sie meiner Meinung nach ebenfalls die Bindung zum Studiopublikum, welches zum Großteil aus NRW stammt.

Die Sendung, die vom 18. Juli bis zum 22. August 2010 immer Sonntagabends um 22.15 Uhr zu sehen war, stellt eine informative und innovative Art der Wissensvermittlung mit Hilfe von Humor, beziehungsweise des Lachens mit Hilfe der Wissenschaft dar und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.

Möglicherweise nicht zuletzt durch die Tatsache, dass man mit dem guten Gefühl abschaltet, gleichzeitig etwas gelernt und gelacht zu haben. Dem politischen Kabarett und seinem Publikum wird mitunter vorgeworfen, es würde über die Probleme der Benachteiligten lachen und nur der Unterhaltung der Privilegierten dienen. Darüber kann man sicher streiten, aber dem dritten Bildungsweg so etwas vorzuwerfen wäre falsch. Natürlich kann man auch hier darüber nachdenken, ob sich die Zuschauer gegenüber den Konsumenten anderer Sendekonzepte abzugrenzen versuchen, um ihre scheinbare Überlegenheit zu zeigen. Doch vielleicht ist es das fehlende Gefühl der unterschwelligen Wut auf politisches Versagen, der vielen Politkabarettvorstellungen innewohnt, welches im dritten Bildungsweg einer Begeisterung an der Materie weicht.

Diese Begeisterung bietet nicht nur Chancen für ein allgemeineres, nicht ausschließlich politisches Kabarett, sondern auch anderweitige Möglichkeiten für unsere Gesellschaft. Das mag sich auf den ersten Blick großspurig anhören, doch führt man sich das Potenzial des Humors vor Augen, das schon berühmte Dichter und Philosophen erkannten, nicht unbedingt.

Ständig hört man, wir lebten in einer Nation mit einem Bildungsproblem. Daher böte sich ein Konzept wie dieses förmlich an, um Menschen für Schule und Wissenschaft zu begeistern. Es entzieht sich allerdings meiner Kenntnis, inwieweit sich zum Beispiel Schüler für derartige Programme interessieren. Einerseits endete die Sendung Sonntags erst um 23.15 Uhr, andererseits wurde sie während der Ferien ausgestrahlt. Auf jeden Fall aber kann Der dritte Bildungsweg einen kleinen Denkanstoß darstellen für diejenigen, deren Aufgabe es ist, Anderen Wissen zu vermitteln. Natürlich sollte keine Schule in einen Zirkus oder eine Comedybühne verwandelt werden, aber zumindest sollte sie die Schüler wenn möglich ebenso kreativ zum denken anregen, wie Becker und seine Kollegen es vermochten. Nicht nur blankes Faktenwissen, sondern auch kritisches Denken wird hierdurch unterstützt, so wie es die Aufgabe des Kabaretts und jeder Erziehung sein sollte. Wenn Ebert beispielsweise aufklärt, dass der so in der Politik oft zitierte „Quantensprung“ rein physikalisch eine kleinstmögliche Veränderung beschreibt, kann man schon besser durch die Landschaft der Phrasendrescher blicken und hört vielleicht in Zukunft etwas genauer hin. Und wenn Becker,der sich Gedanken über Religion und Glaube macht, anmerkt, dass Religion eigentlich eine lustige Sache wäre, da sie, wie der Humor auch, die Fantasie anregt, beginnt man, die bittere Ernsthaftigkeit zu hinterfragen, mit der sich um Gott und Glaube gestritten wird.

Oft genug wird von Kritikern bemerkt, das moderne Fernsehen verdumme unsere Jugend. Zu einem Teil mag das zutreffen. Sicher ist auch, dass den öffentlich rechtlichen Sender hier einen besonderen, auch vertraglich festgehaltenen, Bildungsauftrag obliegt. Im Fall von Der dritte Bildungsweg wird dieser meiner Meinung nach voll erfüllt. Wie bereits erwähnt können die wenigen Kritikpunkte das Fernseherlebnis nicht wirklich trüben. Sie regte auch mich zum Denken an, wie gesagt: Darüber, wie man für solches Fernsehen ein größeres Publikum gewinnt und möglichst alle Gesellschaftsschichten in der Zuschauerschaft abdeckt. Ein „massenkompatibler“ Termin, vielleicht. Auf jeden Fall aber erst einmal eine Fortsetzung des Programms.

Auch gezielte Programmwerbung am Nachmittag oder hinweise von Erwachsenen könnten das Interesse ankurbeln. Dies gelänge allerdings nur, wenn sich die Erwachsenen selbst für diese Art Unterhaltung begeisterten. Man sollte allerdings auch respektieren, wenn manche Zuschauer nur unterhalten und nicht belehrt werden wollen, auch wenn hier eine ansprechende Kombination angeboten würde.

Ich lege mich persönlich nicht auf eine bestimmte Art der Fernsehunterhaltung fest. Wie bei Vielen hängt die Art des Humors, die mich anspricht, vom Gemütszustand ab. Geht es mir weniger gut, bin ich schadenfroh, möchte ich eine Geschichte erzählt bekommen, sehe ich mir eine Filmkomödie an. Für Jürgen Becker und seine Kollegen sollte man sicher hellwach und aufmerksam sowie neugierig sein. Dann kann man in vollem Umfang davon profitieren.