TV Kultur und Kritik
ist im Rahmen einer Übung im Fach Medienwissenschaft an der Universität Regensburg entstanden. Der Blog versammelt Kritiken zu den unterschiedlichsten Facetten der Fernsehkultur, die von arte (Breaking Bad) bis RTLII (Die Geissens) reicht. Ziel ist es eine Kritik zu etablieren, die dem Wesen, der Rezeption und der Faszination für das Format gerecht wird. Wir sind offen für Beiträge, die die Auseinandersetzung mit dem Fernsehen erweitern.

Mittwoch, 1. September 2010

Des Dritten Bildungsweg












von Martin Jukic


Über Geschmack und Humor lässt sich bekanntlich nicht streiten. Da es hier aber nicht um die neueste Folge des Perfekten Promi-Dinners gehen soll, lassen wir den Geschmack außen vor und werfen einen Blick auf die vielfältige Welt des Humors im deutschen Fernsehen. Täglich werden die verschiedensten Arten von Sendungen ausgestrahlt, die unsere Lachmuskeln strapazieren sollen. Von Sketchsendungen, ob brandneu oder Klassiker in zigfacher Wiederholung über lustige Trickserien, manche hauptsächlich konzipiert für Kinder, andere ausdrücklich für Ältere gedacht, bis zu Sitcoms und Clipshows, deren Wurzeln in Amerika liegen, sollte für jeden Gusto etwas zu finden sein. Mancher Zuschauer steht solch „flacher“ Unterhaltung eher kritisch gegenüber und lässt sich ausschließlich auf Kabarett ein, da er einen Nutzen des Humors für die Verbesserung der Gesellschaft sucht, den er nur hierbei erkennt. Die Tradition des Kabaretts im deutschsprachigen Raum ist sicher besonders groß. Berühmte Vertreter der Vergangenheit wie Karl Valentin, Heinz Erhardt und Wolfgang Neuss, sowie lebende Künstler wie Dieter Hildebrandt, Werner Schneyder und Georg Schramm sind weithin bekannt. Daher werden im deutschen Fernsehen auch zur Zeit viele, meist wöchentlich ausgestrahlte, Kabarettsendungen angeboten.

Einige beleuchten ausschließlich politische Aspekte, während andere sich thematisch mit Comedysendungen vermischen. Wobei selbst viele Kabarettisten und Komödianten den Unterschied nicht recht festzumachen vermögen. Die Grenzen sind hier sicher fließend. Als Beispiel sei hier Mathias Richling erwähnt, der in seiner Sendung Satiregipfel seit 2009 zwischen komplexen satirischen Gedankengängen, Parodien und teilweise weniger politischen Auftritten verschiedener Gäste wechselt.

Eine weitere Sendung, die bezüglich ihrer Konzeption aus dem Rahmen fällt, ist die im Juli und August im WDR ausgestrahlte Sendung Der dritte Bildungsweg des Kölner Kabarettisten Jürgen Becker. Das als Universitätsvorlesung gestaltete Programm verbindet die Elemente des politischen Kabaretts mit wissenschaftlichen Fragen und historischen Hintergründen und wird von „Professor“ Becker und seinen „Mitarbeitern“ Beate Bohr, Vince Ebert und Martin Stankowski im Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn präsentiert. Dazu gesellt sich in jeder Folge ein Prominenter Gast, der zum jeweiligen „Vorlesungsthema“ als passender Gesprächspartner erscheint. Zum Thema Religion am 25. Juli 2010 erschien beispielsweise der Religionskritiker und Erbauer provokanter Karnevalswagen, Jacques Tilly. Die Sendung ist abwechslungsreich gestaltet. Die Monologe Beckers, die auf humorvolle Weise wissenschaftliche Themen zu erklären versuchen, teilweise mit verblüffenden Wahrheiten, teilweise mit intelligent konstruierten Assoziationen, bilden den Kern des Programms. Die hauptsächlich auf die Regionalgeschichte Nordrhein-Westfalens bezogenen Reportagebeiträge Martin Stankowskis, der sich als vermitteln auf kreativ-investigative Weise einen etwas anderen Einblick in die historischen Umstände des Landes. Dieser ist als Germanist und bekannter Buchautor auf dem selben Gebiet auch bestens dafür geeignet und bringt sein Fachwissen auf amüsante Art und Weise zurr Geltung. Auch die Auftritte des studierten Physikers Vince Ebert, der ebenso wie Becker bereits durch Soloprogramme und Auftritte in anderen Kabarettsendungen bekannt ist, fügen sich harmonisch in das Ambiente ein: Wissenschaft zum schmunzeln und weiterdenken, bildungsfördernd und intelligent. Als Kritikpunkt könnte man höchstens anmerken, dass manche Probleme, wie der heilige Krieg radikaler Islamisten, etwas zu harmlos dargestellt werden. Hier besteht jedoch die Schwierigkeit, sich wieder in bitterernstes Terrain zu begeben, indem einem das Lachen im Halse stecken bleiben könnte. Beispielsweise wohnt einigen Nummern Georg Schramms dieses Gefühl inne, hier wäre es aber möglicherweise fehl am Platz.

Auch die starke Beschränkung auf Themen aus dem niederrheinischen Raum könnte man als negativen Aspekt nennen. Allerdings dient dies teilweise auch dazu, einen konkreten geschichtlichen Bezug herzustellen und Themen klar zu fokussieren. Außerdem handelt es sich schließlich um eine Sendung des WDR, dem man, wie jedem Dritten Programm, sicher eine Portion Lokalkolorit zugestehen sollte. Auch die teilweise obligatorisch erscheinenden Seitenhiebe auf den 1.FC Köln und die teilweise recht kalauerhaften Pointen hierzu kann man der Sendung sicher verzeihen, denn diese sind einerseits Auflockerung des teils sehr anspruchsvollen Humors, andererseits verstärken sie meiner Meinung nach ebenfalls die Bindung zum Studiopublikum, welches zum Großteil aus NRW stammt.

Die Sendung, die vom 18. Juli bis zum 22. August 2010 immer Sonntagabends um 22.15 Uhr zu sehen war, stellt eine informative und innovative Art der Wissensvermittlung mit Hilfe von Humor, beziehungsweise des Lachens mit Hilfe der Wissenschaft dar und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.

Möglicherweise nicht zuletzt durch die Tatsache, dass man mit dem guten Gefühl abschaltet, gleichzeitig etwas gelernt und gelacht zu haben. Dem politischen Kabarett und seinem Publikum wird mitunter vorgeworfen, es würde über die Probleme der Benachteiligten lachen und nur der Unterhaltung der Privilegierten dienen. Darüber kann man sicher streiten, aber dem dritten Bildungsweg so etwas vorzuwerfen wäre falsch. Natürlich kann man auch hier darüber nachdenken, ob sich die Zuschauer gegenüber den Konsumenten anderer Sendekonzepte abzugrenzen versuchen, um ihre scheinbare Überlegenheit zu zeigen. Doch vielleicht ist es das fehlende Gefühl der unterschwelligen Wut auf politisches Versagen, der vielen Politkabarettvorstellungen innewohnt, welches im dritten Bildungsweg einer Begeisterung an der Materie weicht.

Diese Begeisterung bietet nicht nur Chancen für ein allgemeineres, nicht ausschließlich politisches Kabarett, sondern auch anderweitige Möglichkeiten für unsere Gesellschaft. Das mag sich auf den ersten Blick großspurig anhören, doch führt man sich das Potenzial des Humors vor Augen, das schon berühmte Dichter und Philosophen erkannten, nicht unbedingt.

Ständig hört man, wir lebten in einer Nation mit einem Bildungsproblem. Daher böte sich ein Konzept wie dieses förmlich an, um Menschen für Schule und Wissenschaft zu begeistern. Es entzieht sich allerdings meiner Kenntnis, inwieweit sich zum Beispiel Schüler für derartige Programme interessieren. Einerseits endete die Sendung Sonntags erst um 23.15 Uhr, andererseits wurde sie während der Ferien ausgestrahlt. Auf jeden Fall aber kann Der dritte Bildungsweg einen kleinen Denkanstoß darstellen für diejenigen, deren Aufgabe es ist, Anderen Wissen zu vermitteln. Natürlich sollte keine Schule in einen Zirkus oder eine Comedybühne verwandelt werden, aber zumindest sollte sie die Schüler wenn möglich ebenso kreativ zum denken anregen, wie Becker und seine Kollegen es vermochten. Nicht nur blankes Faktenwissen, sondern auch kritisches Denken wird hierdurch unterstützt, so wie es die Aufgabe des Kabaretts und jeder Erziehung sein sollte. Wenn Ebert beispielsweise aufklärt, dass der so in der Politik oft zitierte „Quantensprung“ rein physikalisch eine kleinstmögliche Veränderung beschreibt, kann man schon besser durch die Landschaft der Phrasendrescher blicken und hört vielleicht in Zukunft etwas genauer hin. Und wenn Becker,der sich Gedanken über Religion und Glaube macht, anmerkt, dass Religion eigentlich eine lustige Sache wäre, da sie, wie der Humor auch, die Fantasie anregt, beginnt man, die bittere Ernsthaftigkeit zu hinterfragen, mit der sich um Gott und Glaube gestritten wird.

Oft genug wird von Kritikern bemerkt, das moderne Fernsehen verdumme unsere Jugend. Zu einem Teil mag das zutreffen. Sicher ist auch, dass den öffentlich rechtlichen Sender hier einen besonderen, auch vertraglich festgehaltenen, Bildungsauftrag obliegt. Im Fall von Der dritte Bildungsweg wird dieser meiner Meinung nach voll erfüllt. Wie bereits erwähnt können die wenigen Kritikpunkte das Fernseherlebnis nicht wirklich trüben. Sie regte auch mich zum Denken an, wie gesagt: Darüber, wie man für solches Fernsehen ein größeres Publikum gewinnt und möglichst alle Gesellschaftsschichten in der Zuschauerschaft abdeckt. Ein „massenkompatibler“ Termin, vielleicht. Auf jeden Fall aber erst einmal eine Fortsetzung des Programms.

Auch gezielte Programmwerbung am Nachmittag oder hinweise von Erwachsenen könnten das Interesse ankurbeln. Dies gelänge allerdings nur, wenn sich die Erwachsenen selbst für diese Art Unterhaltung begeisterten. Man sollte allerdings auch respektieren, wenn manche Zuschauer nur unterhalten und nicht belehrt werden wollen, auch wenn hier eine ansprechende Kombination angeboten würde.

Ich lege mich persönlich nicht auf eine bestimmte Art der Fernsehunterhaltung fest. Wie bei Vielen hängt die Art des Humors, die mich anspricht, vom Gemütszustand ab. Geht es mir weniger gut, bin ich schadenfroh, möchte ich eine Geschichte erzählt bekommen, sehe ich mir eine Filmkomödie an. Für Jürgen Becker und seine Kollegen sollte man sicher hellwach und aufmerksam sowie neugierig sein. Dann kann man in vollem Umfang davon profitieren.

Alltagsgeschichten

















von Markus Beer

Reality Doku Soaps, mhm...Irgendwie fehlt dem Ganzen das Subversive. Das ist nur humorlos, dann noch dazu gar nicht wirklich echt, sondern größtenteils inszeniert und mit Skript. Das ist nur blöd mit Tränen dazu. Man kann die Machart untersuchen, das Konzept, die Kameraführung etc. Doch was passiert mit dem „unbedarften“ Zuschauer?

Dieser polemische Anfang sollte natürlich nur „teasen“. Ich will dem Ganzen Sujet nicht seine Existenzgrundlage entziehen aber man muss auch mal was komplett ablehnen dürfen. Nicht aufgrund eines idealistischen Ansatzes wie „keine Unterhaltung auf Kosten anderer“ oder dergleichen - das geht sowieso nicht. Ich meine einfach nur weil ich es wirklich schrecklich langweilig finde. Man weiß wies ausgeht, immer dieselben Probleme, aufbereitet für ein ganz bestimmtes Publikum. Alles was linear ist, ist langweilig - das ist im Film so, in der Musik, in der Mathematik...

Ich will hier darauf hinweisen, dass es eine Alternative gibt, bei der man wirklich nicht weiß ob man lachen oder weinen, Vorbilder auserküren oder sich abschrecken lassen, sich vor der Konsequenz, mit der manche Menschen ihr verkorkstes Leben führen verneigen oder für sie beten soll. Die Rede ist von „Alltagsgeschichten“, eine von Brigitte T. Spira für den ORF produzierte Fernsehserie, die auch diverse Preise gewonnen hat. Man erahnt nie zu welchen Schlussfolgerungen die Interviewten gelangen, welche Konsequenzen sie aus ihren verrückten Geschichten ziehen. Die Protagonisten sind Zahnlose Sympathieträger, rechtsradikale Sonderlinge mit Herz, besoffene Philosophen, zu traurigen Ikonen hochstilisierte Schlampen und alte Witwen. Als wäre Charles Bukowskys Aktionsraum nicht LA sondern Wien gewesen und wären über ihn und alle seine Freunde kleine Filmchen gedreht worden. Wirre Theorien in denen die Wahrheit so von schlechter Grammatik verborgen ist, dass man sie fast nicht erkennt doch sie ist da! Ambivalenz, Zweifel, Reflexion.

Das Konzept ist einfach: Die Spira sucht mit ihrem Kamerateam an den einschlägigsten Orten in und um Wien nach den verrücktesten Menschen und Interviewt diese. Das ist auch Exploitation, das ist auch Voyeurismus, noch dazu mit dem Wiener Schmäh- da kommt alles noch viel derber, besoffener, arroganter, trauriger oder lustiger rüber. Doch jetzt kommts: Die Spira ist nie unfair. Sie behandelt jeden mit größtmöglichen Respekt. Sie sietzt die Menschen, egal ob sie besoffen oder obdachlos oder beides oder einfach nur blöd oder noch viel schlimmer dran sind. Sie stellt ihre Fragen sensibel, lässt ausreden, greift die verworrendsten Fäden auf und lässt sich auf die zum Teil unfassbare Logik ihrer Interviewpartner ein.

Man könnte sagen sie fragt die, die eigentlich keiner fragen will, auf deren Meinung der Reihenhaus- und SUV- Besitzer pfeift. Natürlich selektiert auch sie. Natürlich wird inszeniert. Jedoch nur selten, etwa zum Schluss jeder einzelnen Sendung, wenn beispielsweise ein komplett irrer Nudist auf der Donauinsel seinen komplett irren Dialog mit einem anderen irren Nudisten noch weiterführt, während der Abspann schon lange über das Standbild eines Sonnenuntergangs läuft.

Was die Spira macht ist nicht verachtend. Selbst die fragwürdigsten politischen Ansichten werden verziehen, weil man versteht, dass die untersetzte Frau am Würschtelstand viel zu unselbständig ist um auch nur ansatzweise gefährlich zu werden. Sie wählt immer Beispiele, die zum Nachdenken anregen. Sie könnte natürlich auch den jungen, organisierten, entschlossenen und kampfbereiten Neonazi interviewen, vor dem dann jeder Angst hat, aber das ist ja langweilig. Da weiß man ja wieder was kommt. Vielmehr nimmt sie Menschen vor die Kamera, die von der Gesellschaft schon länger abgeschrieben wurden und in ihrer Blase aus Gleichgesinnten durch Kulissen von Filmen schweben, die schon lang nicht mehr laufen. Das faszinierende an dem „Alltagsgeschichten“ ist nicht unbedingt das Desolate, sondern der zum Teil philosophische Ansatz der sich in den einfachen und oft ungeschickten Aussagen der betroffenen einschleicht. Manch ein volltrunkener Pensionist beim „Heurigen“ erweist sich als wehmütiger Alltagsphilosoph, der durchscheinen lässt, dass er was auf dem Kasten hat, aber nie gelernt hat sich zu artikulieren. Seltsamerweise scheint es generell so, als seien die Menschen aus „Alltagsgeschichten“ immer rührselig und zur mehr Reflexion im Stande als manches „funktionierende“ Glied der Gesellschaft. Ein Beispiel für das „unperfekte“ Leben, für gnadenloses Scheitern, sich damit abfinden und Schlüsse daraus ziehen.

Jede Folge ist in kleinere Sequenzen gegliedert, die sich jeweils mit einer Person oder Gruppe an einem Tisch befassen. Jede Sequenz ist begleitet von Musik. Kein Schnitt im Ton während des Interviews, Gesprächspausen werden durchgehalten, oft überbrückt von gewollt überspitzt -sentimentalen Objekt- und Personenstudien in der unmittelbaren Umgebung. Das Problem bei den sogenannten „scripted reality Dokus“ auf den üblichen Privatsendern ist die Einseitigkeit. Bei den „Alltagsgeschichten“ geht es natürlich auch um Klischees, jedoch werden diese nach systematischem Aufbau oft wieder auseinandergenommen. Es wird nach dem Grund gefragt, nach Vergangenheit und Zukunftsperspektiven. Die Menschen müssen keinem nach Skript vorgefertigten Weg der Verzweiflung folgen, sie winden sich selbst durch ihre Argumente und verkorksten Geschichten, und nach und nach ertappt man sich dabei, die „Opfer“ zu wirklich verstehen oder ihnen alles zu verzeihen.

Die Wahrheit lässt sich nie objektiv abbilden, einer Dokumentation geht Selektion voraus. Doch wie im Alltag auch, fallen diese Menschen oft durch; von der „natürlich Selektion“ ins Abseits gestellt. Hier kommen sie wirklich zu Wort. Es geht Spira jedoch nicht darum, wie man diese Menschen heilen und sie wieder „eingliedern“ kann. Hier geht es um das aufrichtige Interesse an Menschen, die mit der Welt und unserem „System“ nicht zurechtkommen.

Zwar musste sich Spira auch schonmal den Vorwurf machen lassen, sie führe Betrunkene vor, jedoch vermittelt sie gleichzeitig den Eindruck, als würde ihren Interviewpartnern sowieso nichts anderes übrig bleiben als zu trinken oder sich in Fantasiewelten zu flüchten. Das ist für den Zuschauer im einiges schwerer zu verdauen; da sitzt keine Supernanny wie ein Geist in der Ecke und sucht nach Lösungen. Wenn „Alltagsgeschichten“ im Nachmittagsprogramm kämen, würde wahrscheinlich das Wirtschaftswachstum stagnieren und die Selbstmordrate steigen - „sie könnten die Wahrheit ja nicht ertragen“. Andererseits wirft dies die Frage auf, warum uns die „scripted Dokus“ aus Asihausen scheinbar kalt lassen. Bei „Alltagsgeschichten“ muss man sich nicht fremdschämen, beim „Teenager außer Kontrolle“ allerdings muss ich oft wegschalten. Das peinliche ist nicht das Verhalten an sich, sondern der Umstand, dass diese Menschen das alles vor Millionenpublikum mitmachen. Sie freuen sich sogar, dass sie im Fernsehen kommen. Fremdschämen entsteht dadurch, dass man es nicht erträgt, was der im Fernsehen da macht. Schämen wir uns für ihn, weil er die Menschliche Rasse so peinlich vertritt, falls außerirdische dieses Programm empfangen? Für seine Familie? Oder schämen wir uns eigentlich dafür, dass wir zusehen? Der „moralische Verfall“ liegt nicht beim Zuschauer, der sich an dem Leiden ergötzt, sondern daran, dass die gezeigten Menschen absolut unwissend als Instrumentarium der Selbstbestätigung des „anständigen“ Bürgers eingesetzt werden. Dar anständige Bürger weiß es oft scheinbar selbst nicht. In Momenten des Umschaltens wegen Fremdscham hinterfragen wir uns kurz. Ist der schlimme Moment vorbei schalten wir wieder in den Sozibau. Alles save. Bei Alltagsgeschichten hinterfrage ich mich jedoch ständig selbst. Warum fristen viele Menschen ein Leben in einem Paralleluniversum? Trägt man vielleicht ein bisschen selbst dazu bei? Ist es da vielleicht schöner? Vielleicht mal wieder zuhören statt ignorieren, denn das wurde ja scheinbar versäumt. Ich gehe hier sogar soweit, die RTL2 Dokus als das Spießigste was es gibt zu bezeichnen. Es wird suggeriert, dass diese Menschen zu nichts anderem gut sind als zur Belustigung anderer frustrierter aber funktionierender Glieder der Gesellschaft.

Spira zeigt die Talsohle des Lebens als voll mit „Mitmenschen“. Die Betonung liegt auf „Mit-“ nicht „Unter-“. Ohne hier zu belehrend wirken zu wollen - beide Formate Unterhalten. Doch am deutlichsten wird der Unterschied bei der oben schon erwähnten Position, die der Zuschauer dabei einnimmt. Man darf sich natürlich schrullige und mit negativen Vorurteilen belastete Menschen ansehen. Nur macht es einen Unterschied ob man dies aus der Position Julius Cäsars im Colosseum, oder als Mitmensch macht. Und das ist wiederum davon abhängig wie sie präsentiert werden. Wir werden durch die Inszenierung und Präsentation in diese oder jene Position gebracht und gewöhnen uns daran. Wir sehen in beiden Fällen zu, wie Menschen ihre Reputation komplett vernichten. Wir sehen einerseits, wie sie versuchen „ihre“ Probleme mit „unseren“ Werkzeugen zu lösen, man stellt ihnen Aufgaben wie Laborratten. Passive Position. Wie dumm sie sich anstellen, wie leicht wir das doch schaffen. Das machen wir jeden Tag. Lob an uns.

Andererseits sehen wir Menschen, die uns von Angesicht zu Angesicht erzählen. Die Kamera ist auf Augenhöhe. Keine überhöhte Position, die uns hier geboten wird. Uns kann das auch passieren. Wir können auch abdriften. Schock. Das muss man sich doch nicht antun nach einem harten Arbeitstag. Verständlich. Bei den „Alltagsgeschichten“ steht die Liebe zum Schrulligen im Vordergrund. Nicht immer sind die Zustände desolat, für den „Normalo“ oft einfach nur unvorstellbar. Manche sind glückliche, beneidenswerte Herrscher über eine eigene Welt in der alles möglich zu sein scheint. Für gesetzte Menschen kein Zutritt, für die Opfer auf RTL2 unerreichbar. Es ist jedoch erschreckend, wie oft sich Spiras Interviewpartner als Idioten / Rassisten / betrunken / verblendet / oder alles zusammen outen. Denn erst mal fragt Spira einfach nach und nimmt was dann kommt. Spira lacht, fragt noch mal nach, wundert sich. Kurz: Sie kommuniziert wirklich mit ihnen, quasselt nicht supernannyhaft aus dem Eheberaterhandbuch mit Menschen, die ihre Lebensgefährtinnen oft nur haben, damit jemand beim Wirt zahlt... Spira schmunzelt, akzeptiert und lässt ohne Kommentar die letzten Sätze verklingen.

Ps: Brigitte T. Spira macht auch eine Sendung „Heiratsgeschichten“. Man hätte diese auch mit „Bauer sucht Frau“ vergleichen können. Dies nur als weitere Empfehlung – Schrulligkeit garantiert, tausendmal verrückter, aber mit Herz.