TV Kultur und Kritik
ist im Rahmen einer Übung im Fach Medienwissenschaft an der Universität Regensburg entstanden. Der Blog versammelt Kritiken zu den unterschiedlichsten Facetten der Fernsehkultur, die von arte (Breaking Bad) bis RTLII (Die Geissens) reicht. Ziel ist es eine Kritik zu etablieren, die dem Wesen, der Rezeption und der Faszination für das Format gerecht wird. Wir sind offen für Beiträge, die die Auseinandersetzung mit dem Fernsehen erweitern.

Montag, 6. Februar 2012

Familien im Brennpunkt


von Susanne Rupp  

Familien im Brennpunkt gehört zu den so genannten Scripted Realities. Im Rahmen des Nachmittagsprogramms von RTL, ein Paradies für jeden, der sich in die Welt der Scripted Realities entführen lassen möchte, kann man sich in Familien im Brennpunkt auf Streit, Eifersucht, Lügen oder Betrug basierende Familien-dramen ansehen. Die glücklichen Familien werden von einem dunklen Geheimnis, schrecklichen Ereignissen oder der allgemein angespannten Atmosphäre, die durch ein Familienmitglied ausgelöst wird, zerstört. Dadurch geraten sie in eine schwere Krise und drohen auseinander zu brechen. Am Ende einer Folge wendet sich jedoch immer alles zum Guten und die Probleme können gelöst werden.

In einer bestimmten Folge geht es um einen Restaurantbesitzer, dessen Restaurant schlecht läuft, weil sein Koch nicht kochen kann und auch überhaupt nicht kochen will. Dieser serviert seinen Gästen lieber Fertiggerichte oder verwendet sogar Lebensmittel, die bereits im Müll gelandet sind. Als wäre das noch nicht schlimm genug, wird der Restaurantbesitzer von seiner Lebensgefährtin schikaniert. Der Koch wird nach einigen Diskussionen und vielen Streitereien schließlich entlassen. Die Lebensgefährtin des Restaurantbesitzers fängt eine Affäre mit dem Koch an, auf den sie schon lange ein Auge geworfen hat. Ihr Mann findet heraus, dass seine Frau ihn betrügt und kurz darauf entdeckt die Tochter sogar eine Intrige der Lebensgefährtin gegen ihren Vater. Der Vater stellt seine Lebensgefährtin zur Rede. Es stellt sich heraus, dass die Lebensgefährtin und der Koch den Vater ruinieren wollen, indem sie ihm mit Hilfe gefälschter Dokumente sein Restaurant wegnehmen. Daraufhin droht der Vater dem Pärchen mit einer Klage. Das Pärchen will den Vater einschüchtern, um eine Klage zu verhindern, und verwüstet sein Restaurant. Der Vater zeigt das Pärchen an, sie werden verurteilt und der Vater kann mit seiner Tochter in eine unbeschwerte Zukunft blicken. Ende gut alles gut.
Wenn man den Verlauf der tragischen Geschichte des Restaurantbesitzers näher betrachtet, sollte eigentlich schnell klar werden, dass es sich hier um einen Ausnahmefall handelt, der nicht alltäglich ist und auch nicht auf Tatsachen beruht. Die Konfliktfälle werden extrem dramatisch dargestellt und es ist kaum realistisch, dass die heile Welt einer Familie innerhalb kürzester Zeit zusammenbricht. Im Abspann stellen die Produzenten auch klar, dass die „Dramen“ auf Drehbüchern basieren und „alle Personen frei erfunden sind“. Trotzdem denken nach wie vor viele Zuschauer, vor allem Jugendliche, dass es sich um alltägliche Situationen, um Tatsachen und „echte“ Geschichten handelt. Das liegt wohl daran, dass die Produzenten die Familiendramen authentisch wirken lassen wollen. Beispielsweise wird durch die Kameraführung der Eindruck erweckt, das Kamerateam würde Menschen in ihrem Alltag begleiten. In brisanten Situationen greifen die Kameramänner ein oder Betrüger wollen sich von der Kamera nicht filmen lassen. Es sei jedoch in Frage gestellt, ob die „Dramen“ dadurch wirklich realistischer wirken, wenn man deren Verlauf und Inszenierung im Hinterkopf behält. Des Weiteren weisen die Folgen immer das gleiche Schema auf: Zunächst wir die Ausgangssituation der Familien dargestellt. Von Minute zu Minute steigert sich dann die Dramatik, bis das Geheimnis gelüftet oder das Problem gelöst wird. Sätze wie „Hätte ich das damals schon geahnt…“ oder „Ich hätte ja nicht wissen können, dass…“ steigern die Spannung und sollen dazu führen, dass die Folge bis zum Ende angesehen wird. Als Zuschauer möchte man schließlich erfahren, was genau die Personen noch nicht wissen konnten, obwohl einem eigentlich schon im Vorspann der Werbepause klar wird, was im weiteren Verlauf passieren wird.
Die „frei erfundenen Personen“ werden von Laiendarstellern gespielt. Diese schaffen es nicht wirklich, sich in die Situationen hineinzufühlen und die Rolle überzeugend zu verkörpern. In den „Interviews“, in denen die betreffenden Personen rückblickend ihre Situation kommentieren oder darauf anspielen, wie sich das Problem im weiteren Verlauf entwickeln könnte, sollen die Darsteller eigentlich Emotionen wie Wut, Angst oder Freude zeigen, was nicht überzeugend wirkt. Stattdessen werden die Gefühle „ausgeklammert“ und in Textform verpackt.
Für mich stellt sich die Frage, was genau der Reiz an der Sendung sein könnte. Vielleicht ist es die Mischung aus Unterhaltung, inszenierter Authentizität und einem spannenden Aufbau, die den Zuschauer vor den Fernseher lockt. Genau diese Mischung kann aber auch der Grund sein, warum man sich gegen die Sendung oder das Format im Allgemeinen ausspricht.
Mitte Januar erreichte die Sendung eine Einschaltquote von 23,5% bei der Hauptzielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Für den Sender RTL stellt Familien im Brennpunkt also einen großen Erfolg dar. Deshalb gehe ich davon aus, dass man sich sicherlich noch lange nachmittags auf RTL in die Welt der Scripted Realities entführen lassen darf, wenn man möchte.

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